E-Books in Deutschland
MISTER EINPROZENT
Ergänzung statt Bedrohung: E-Books in Deutschland
Braucht man zum Lesen künftig wirklich nicht nur eine Brille, sondern ein Gerät? Just da die Schwalben des Kulturpessimismus gerade wieder besonders tief fliegen, veröffentlicht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine ausführliche Studie zu Situation des E-Books in Deutschland. Sortimenter, Verlage und Konsumenten wurden befragt. Das Fazit: E-Books führen auf dem deutschsprachigen Markt ein Nischendasein – allerdings ein höchst interessantes.
In Deutschland kommt ein E-Book auf hundert gedruckte Bücher – bestenfalls. Die größeren Verlage berichten von aktuellen Bestsellern, die als gebundene Ausgabe beispielsweise eine Auflage von einer Viertelmillion haben, aber als E-Book nur zweihundert mal heruntergeladen wurden. Amazon, wo ohnehin nicht alle erhältlich ist, spielt beim schleppenden Absatz von E-Books übrigens nur eine geringe Rolle; die meisten Verkäufe laufen hierzulande über iTunes, Textunes, Livree, Liberia, Thalia oder über die Websites der Verlage.
Die meisten Buchhändler gehen davon aus, dass sich das E-Book-Geschäft außerhalb der Läden im Internet entwickeln wird. Nur in größeren Buchhandlungen werden E-Books und Lesegeräte überhaupt angeboten.
Am geringen Erfolg des neuen Mediums, so folgert die Studie, sind aber nicht renitente Buchhändler oder Verlage schuld: Solange sie dem gedrucktem Buch die Treue halten, wird sich die E-Variante nicht durchsetzen. Betrachtet man allerdings das Profil der E-Book-Konsumenten, wäre es sträflich, gerade diese Käufergruppe zu unterschätzen: „E-Book-Käufer haben das typische Profil von Innovatoren“. Sie haben ein überdurchschnittliches Einkommen, sind überdurchschnittlich gebildet – und der Mehrzahl männlich. Trotzdem lesen sie am liebsten: Belletristik. Das ist die eigentliche Überraschung.
Dagegen, dass das E-Book sich mindestens im Fachbuchbereich unentbehrlich machen könnte, spricht derweil eine andere, amerikanische Studie. Die University of Washington hat unter Studenten einen Pilottest durchgeführt mit dem Kindle DX, der größeren Version des Lesegeräts: Die meisten benutzen das Werkzeug am liebsten an ihrem Computerarbeitsplatz. Vor allem aber gaben die Probanden an, sie hätten sich die auf dem Kindle gelesenen Texte schlechter merken können. Während der Leser sich ein gedrucktes Buch auch physisch einprägt, war dies beim elektronischen Lesen nicht möglich.
Der deutsche Buchmarkt mag, analog zu Amerika, eine zunehmende Konzentration der Online-Buchhändler fürchten. Für diese Entwicklung aber ist das E-Book ein Beschleuniger, kein Ausleser. Je besser nicht nur Hersteller und Vertreiber, sondern vor allem Leser das E-Book kennenlernen, desto mehr wird es durch die neuen Lesegewohnheiten auch entzaubert.
Quelle: Frankfurter Allgemeine 25.05.2011, Autor: Felicitas von Lovenberg - gekürzt
